Josef und Maria

Peter Turrini

Eine Weihnachtsgeschichte
„Was bleibt denn von einem übrig, wenn nichts von einem übrigbleibt?“
Zum erfolgreichen Abschluss des Weihnachtsgeschäfts überreicht die Direktion eines großen Kaufhauses den Angestellten „als Zeichen der Wertschätzung" ein Fläschchen „Qualitäts-Branntwein". Ausgenommen sind ausländische und nicht ständig beschäftigte Mitarbeiter - wie die Putzfrau Maria, deren Arbeit erst beginnt, als die übrigen Angestellten das Kaufhaus verlassen haben, und der Nachtwächter Josef mit seinem Kontrollgang beginnt. Beide sind eigentlich schon pensioniert, bessern aber als vorweihnachtliche Aushilfskräfte ihre Renten auf. In der sogenannten „Heiligen Nacht“ kommen sie in dem leeren Kaufhaus ins Gespräch, erzählen einander die Stationen ihres Lebens, ihre Wünsche und Träume, gescheiterte und bewahrte Hoffnungen, politische und private Kümmernisse. So entsteht ein Portrait zweier einsamer Menschen von der Rückseite der Wohlstandsgesellschaft, die schließlich versuchen, einander in einem spontanen, illegalen „Fest der Liebe" etwas von dem zu schenken, was ihnen ihre Mitwelt versagt.

Ich wollte kein Stück „über“ alte Menschen schreiben. Ich wollte ihre Geschichten, ihre Erzählungen, ihre Erinnerungen aufnehmen und annehmen. Meine Aufgabe als Dramatiker bestand darin, diese Geschichten auszuwählen, zu ordnen und zwei alte Menschen in eine dramatische Situation zu bringen. (Peter Turrini).